Fühle mich verunsichert...

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micha77
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Fühle mich verunsichert...

Beitrag von micha77 » 30.08.2016, 21:23

Kurze Vorgeschichte: Ich bin 24 Jahre alt, verdiene als Krankenpfleger eher bescheiden, und habe mit meiner Frau zwei wundervolle Wunschkinder. Da die Kids und die Familie natürlich vorgehen, bleiben viele Wünsche lange liegen, und ein großer Wunsch war seit Jahren der Kauf einer schönen Uhr. Dabei waren mir irgendwie zwei Aspekte wichtig. Erstens wollte ich keinen überdimensionierten Riesenwecker am Handgelenk, sondern ein eher elegantes Modell, und zweitens auf keinen Fall eine Replika oder ein Fernostmodell mit dem Motto "Mehr Schein als Sein". Ich habe den Wunsch jahrelang zurückgestellt, bis ich vor einigen Wochen eine gebrauchte Uhr gefunden habe, die meinen optischen Vorstellungen sehr nahe kam, und auch mein Budget nicht allzu sehr überstrapaziert hat, nämlich eine Longines Charleston von 1987 in gutem Zustand für ca 250 €. (ich habe mal ein selbstgeschossenes Foto angehangen). Die ersten Tage war ich verdammt glücklich mit der Uhr, obwohl mir natürlich bewußt ist, dass diese Uhr aufgrund ihres Quarzwerkes und der daraus resultierenden "Flachheit", sowie dem eher kleinen (knapp über 30mm) Durchmesser des Gehäuses eher schmächtig, und ganz anders als viele moderne Automatikuhren aussieht. Sie wurde auch deutlich als Unisexmodell angeboten, was mir aber zunächst gleichgültig blieb. Naja, ich wurde jetzt schon ein paar mal von Kollegen und Bekannten gefragt, ob das eine Damenuhr sei, und es wurde geäußert, dass sie häßlich sei. Diese Leute sind eigentlich keine Referenz, da die Mehrzahl von denen eben solche bereits erwähnten Breitlingrepliken oder "Ebay"-Chronographen trägt. Und so sehr ich auch weiß, dass man sich nicht verunsichern lassen sollte, und mich das auch ärgert, dass es mich nicht kalt lässt, so muss ich ehrlich zugeben, dass mich diese Meinungen trotzdem verunsichern. Meine Frage ist, ob man als Mann eine solche Uhr tragen kann/darf, oder ob ich mich blamiere? Vielen Dank im Voraus für Ihre Antworten. Bild

Bubu
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von Bubu » 31.08.2016, 00:05

"Kann" man als Mann Uhren tragen, die wirken, als seinen sie auf "Anabolika"? Will sagen, die heutige Uhrenmode ist grössenmässig in meinen Augen ins völlig Lächerlich-Absurde abgelitten und so muss man sich an den Anblick von "Spaghettitarzans" mit SUVs am Handgelenk gewöhnen. Stillos, degutant einfach nur grauenhaft - aber eben Mode (wie zerrissene Jeans....oder anderer Mist). Schau Dir mal Bilder im Netz an von Gentlemen aus den 40igern und was die für Uhren getragen haben...eben! Hier nur mal ein Bsp.:

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Und selbst ein Obermacho wie John Wayne hat Uhren in der Grösse wie von Dir genannt getragen (ok, war damals auch Mode :lol: ). Jedenfalls haben die Uhren bei den Herren alles andere als lächerlich gewirkt. Und "Schönheit" ist eh Geschmackssache. Und über selbigen lässt sich bekanntlich nicht streiten. Lass Deine Bekannten ihren (schlechten :?: ) Geschmack und pfleg Du Deinen (guten :!: ) Geschmack.

Ich jedenfalls trage meine Uhren, weil sie MIR gefallen und weil ich Spass daran haben, nicht wegen dem Urteil der anderen oder der Mode.

micha77
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von micha77 » 31.08.2016, 01:02

Für diese Antwort möchte ich mich wirklich aufrichtig bedanken. Konsumschulden finde ich nicht gut, und wenn man lange auf etwas hingespart hat (das berühmte Kleingeldglas), dann fühlt es sich überhaupt nicht gut an, wenn dieser Traum abfällig kommentiert wird. Umso schöner ist es dann, in einem solchen Forum Zuspruch zu finden. Dieser Uhrenkauf hat auch eine Vorgeschichte. Es muss mindestens zehn Jahre her sein, ich war wohl in der Neunten Klasse und damals schon mit meinem Schatz zusammen, da haben wir in der Stadt in der Auslage eines Juweliers eine Chronoswiss mit Mondphase entdeckt (natürlich unbezahlbar), und ich habe mich regelrecht verliebt. Und immer wenn ich dann in der Stadt war, da blieb ich eine Viertelstunde vor dem Schaufenster stehen, bis sie eines Tages verkauft war. Auf jeden Fall teilen wir beide einen Spleen für alte Dinge. Unsere Möbel haben wir auf Flohmärkten und auch öfter mal im Sperrmüll gefunden und selbst aufgearbeitet. Statt Smartphones, Hip Hop und McDonalds lieben wir Swingmusik, ein Stück Sachertorte mit einem guten Bohnenkaffee, auf der Terasse nach einem Glas Cidre zu Moon River zu tanzen,Vinylplatten und altes Porzellan (wenn das Geld für KPM, Meissen und Nymphenburg auch nicht reicht, dann wenigstens für Reichenbach). Ich mag die Wegwerfmentalität nicht, finde das viele Dinge zeitlos sein können, und es tut mir manchmal in der Seele weh, was alles weggeworfen wird. Und dennoch ist man dann doch manchmal verunsichert, wenn man mit einer altmodischen Lebensweise in der Umwelt auf völliges Unverständnis stößt. Das fängt ja schon beim frühen Heiraten und Kinder bekommen an. Deshalb habe ich mich über Ihre Antwort wirklich mehr als gefreut, möchte mich nochmal in aller Höflichkeit bedanken, und mich umso mehr noch lange an der Longines erfreuen.
Danke.

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JLC
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von JLC » 31.08.2016, 16:13

Hallo Micha,
wenn Du mit der Uhr zufrieden bist, dann ist alles i.O. Hab Spass an und mit der Uhr.

Ich für mich, mein HGU bertägt 18,5 cm, ist eine Uhr mit einem Durchmesser von 30mm deutlich zu klein.

Bei 36er-Uhren scheiden sich die Geister.
Für die Einen ist es eine Damenuhr, für die Anderen eine Herrenuhr.

Beispiele, denn ich trage von 36er bis 47er jede Uhr die mir gefällt.
36er Rolex
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38er Tudor
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40er IWC
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42er JLC
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44er PAM
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47er LOWIN
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Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, das eine 42er Uhr am besten zu mir passt.
Aber, an heißen Sommertagen bevorzuge ich auch gerne eine leichte 36er Uhr.

Von Großuhr auf Kleinuhr, die mentale Anpassung dauert einen Tag, dann hat man sich dran gewöhnt. Andersrum ebenso.... 8)
Viele Grüße

JLC
Bernd

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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von micha77 » 31.08.2016, 17:43

Hallo,
also das Schlimme ist, dass ich auch eher der wuchtige Typ Mann bin. Hab in meiner Jugend im Verein geboxt etc. Ich wäre nicht unglücklich, wenn die Uhr einen etwas größeren Durchmesser besitzen würde. Warum habe ich mich trotzdem gerade für sie entschieden? Wie gesagt, es liegt beispielsweise an der Gestaltung des Ziffernblattes, mit dem kleinen roten Halbmond am Datumszeiger, der Mondphase usw. Da ich im Job oft immer die entsprechende Berufsskleidung trage, liebe ich es in der Freizeit auch mal ohne Anlaß in einen dunkelbraunen Herrenanzug zu steigen, und suchte deswegen und aus meiner Jugendliebe zu dieser unerreichbaren Chronoswiss Uhr nach einem eleganten Modell. Ich habe mir oft Uhren dieser Machart angeschaut, vom Chronoswiss A. Rochat Modell, über Dubey & Schaldenbrand Chronographen, bis hin zu Patek, Blancpain und Breguet Komplikationen. Natürlich alle unrealistisch. Ich bin da auch nicht neidisch, und kann mich trotzdem an der handwerklichen Leidenschaft der großen Uhrmacher erfreuen. Jetzt liefen mir in den letzten Jahren immer wieder Leute über den Weg, die riesige Pseudochronographen von Marken wie Calvaneo oder Newton&Sons mit vergoldeten Gehäusen, Scheintourbillone von Christautomaten, Armani/C.K./etc Uhren im Stile puristische Modeuhren oder aber Produktfälschungen von Breitling oder Rolex aus dem letzten Istanbul Urlaub getragen haben. Wenn ich dann äußerste, dass ich mir auch irgendwann eine Uhr kaufen wollte, dann hiess es, warum ich nicht so ein Modell kaufen soll. Ich würde so eine Uhr aber niemals tragen wollen, denn für mich wirken sie alle durch die Bank irgendwie ein bischen schäbig. Ich habe wirklich keine Ahnung von Uhren, aber wenn ich mir zB die Verarbeitung einer echten Rolex in der Auslage eines wirklichen Fachhändlers anschaue, die perfekten Spaltmasse, Lünetten, die Ablesbarkeit der Datumsanzeigen, die Perfektion in jedem Detail, und dann im Vergleich die Repliken von Bekannten sehe, die gerade beim zweiten Blick ein wenig schlampig wirken, dann graut es mir, genauso wie es mir bei der Vorstellung graut, ein handwerklich vollendetes Uhrwerk vorzugaukeln, und selber zu wissen, dass im Inneren doch nur ein minderwertiges Massenfabrikat vom Fließband schlummert. Nun mochte ich ein goldfarbenes Gehäuse, damit die Uhr homogener zum Ehering der rechten Hand passt, und eben diese Vergoldung ist der nächste Punkt. Die scheint bei billigen Modellen irgendwie anfälliger und schludriger. Bei der Longines hingegen erscheint sie mir liebevoller und nachhaltiger aufgetragen zu sein, was vlt auch daran liegt, dass das Gehäuse nicht geriffelt oder ähnliches ist. Natürlich gibt es kein massives Goldgehäuse bei einer 200 € Uhr. Vlt rede ich auch Käse und bilde mir das alles auch nur ein. Ich weiß es nicht. Aber nach meiner Überzeugung ist der Träger einer falschen Uhr auch charakterlich irgendwie falsch. Ich bin kein reicher Mann, und das ist auch in Ordnung so. Ich kann mich trotzdem an schöner Uhrmacherkunst erfreuen, ohne sie selber besitzen zu müssen, so wie ich mich auch für einen alten Buick, Packard, Jaguar E-Type oder eine perfekte Stuckfassade und ein Deckenfresko begeistern kann, wenn man die handwerkliche Leidenschaft dahinter spürt. Mir geht es letztendlich um die Frage, dass ich mich nicht wirklich blamiere und ein reines Damenmodell trage. Ich lege einfach weiter Cent Stücke in ein Glas, und wer weiß, wenn nichts dazwischen kommt, und die Töchter mal aus dem Haus und verheiratet sind, dann kauft Papa sich irgendwann im Alter doch noch eine echte Chronoswiss.Und bis dahin erfreue ich mich an Ihren wunderbaren Uhren. :)
P.S. Ihre Bilder zeigen mir, so denke ich zumindest, genau das was ich meine, z.B. die Ablesbarkeit des Datums bei der Date Just erscheint mir unglaublich klar und deutlich. Bilde ich mir das ein, oder wirkt es bei Repliken undeutlicher? Oder das Datum bei der IWC, so unglaublich perfekt bündig. Ich bilde mir auch ein, dass der Sekundenzeiger meine Longines ruhiger oder stetiger läuft, während mir der Sekundenzeiger am Christautomaten eines Kollegen, der sogar bei Christ nochmal eingestellt wurde, irgendwie unmerklich zögerlicher und irgendwie unruhiger, weniger gleichmäßig laufend erscheint. Er behauptet aber, dass ich mir das einbilde, und gibt an, dass die Uhrzeit ja immer stimmen würde. Ich weiß es nicht.

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JLC
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von JLC » 31.08.2016, 18:31

Danke für Deine Ausführungen.

Ja, gegen irgendwelche Möchtegern-Uhren habe ich auch was.
Ich meine damit Uhren, die vorgeben etwas zu sein, oder zu haben. Schein-Tourbis treffen da meinen Nerv. Einfach schrecklich. Kaufen würde ich mir so eine Uhr nicht.

Gegen rotvergoldet Uhren habe ich nichts, wenn sie gut gemacht sind.

Uhrwerke, ein Kapitel für sich....
Ich könnte ganze Romane schreiben.

Aber, ich muss auf mal eine Lanze für sogenannte Fake-Uhren brechen.
Warum ?
Es gibt mittlerweile sehr gute Fake-Uhren, und es gibt Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, sich eine Originale nicht kaufen, mögen aber das Design.
Auch die verbauten ETA- Rep.- Werke sind so gut, das die originalen Ersatzteile passen.
Ich reden nicht von den € 20,00 Uhren vom Strand-Konzi in der Türkei.

Ich vertrete den Standpunkt: Uhren, Jeder wie er will und kann.
Deswegen sind Menschen, die eine Fake-Uhr tragen, nicht weniger wert. Auch schließe ich nicht von Uhr auf Mensch, denn auch ich möchte nicht in irgendeine Schublade gesteckt werden, weil ich mir gute Uhren leiste.


Heutzutage gibt es richtig gute Uhren die nicht teuer sind.
Uhren, die den großen Herstellern in Nichts nachstehen.

Rolex, die bauen klasse Uhren, keine Frage, aber Rolex ist nicht das Maß der Uhren-Dinge.
Wenn man sich mit Uhren und dessen Hersteller intensiv beschäftigt, dann wird man schnell feststellen, das es Hersteller gibt, die wesentlich mehr im Werkebereich geleistet haben als Rolex zum Beispiel.
Komplikationen heißt das Zauberwort. Und hier sind andere Hersteller führend.

Rolex lebt von ihrer Geschichte, ihren eigenen Mythos, und das die Uhren gut sind.

Du machst das schon richtig, Micha.
Spare und kommt Zeit, kommt die sehnsüchtig erwartete Chronoswiss. :wink:
Viele Grüße

JLC
Bernd

Bubu
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von Bubu » 31.08.2016, 22:25

Ach ja, die ewigen Mythen, egal ob Rolex, Porsche oder Ferrari :mrgreen: .....letztlich viel, viel Markting und Wunschdenken. Rolex baut gute Uhren, die Werke sind sicher sehr gut, aber es wäre Blödsinn zu behaupten, das wären die besten Uhren (nur so mal ein Bsp. aus dem Uhrenvintagebereich - es gibt da Werke, die sind noch weit robuster als die angeblich ach so unzerstörbaren Vintagerolexwerke und jeder Uhrmacher kommt ins Schwärmen, wenn der daran werkeln darf, trotzdem sind die Uhren mit den Werken zu einem Bruchteil des Betrages erhältlich, der für die alten Rolex ab den 60igern bezahlt wird (und auch Rolex war da schon ein Massenproduzent)…..welche Uhren das waren? Du glaubst es kaum, die Certina DS 2! Es gibt Leute die behaupten ein bisschen provokativ, dass Certina in den 70igern mit ihren Werken da war, wo Rolex heute hin will :mrgreen: ) Abgesehen davon, dass es die beste Uhr (im absoluten Sinn) nicht gibt (je nach individuellem Anspruch kann das Beste sehr unterschiedlich ausfallen), abgesehen davon schwirrt eben zu viel Tamtam und Mythos um die ganzen aktuellen Uhrenmarken. Nicht nur deshalb aber auch darum trage ich gerne (überwiegend) die alten Teile (Vintage) und auch da möglichst Sachen, die von denen Hype und Kult noch verschont sind (gelingt leider nicht immer). Wenn ich mir meine bevorzugte Uhrengrösse so betrachte, da komme ich so auf 37mm – je nach Wirkung und Art der Uhr kann das aber sehr variieren. Und nein, ich zähle nicht zu hageren Typen, eher ziemlich im Gegenteil. Ab und zu kann aber auch einmal ein Extremfall den Weg an meinen Arm finden und das sieht dann so aus:

Bild

Weder, dass ich mich damit lächerliche fühle, noch finde ich, dass so was lächerlich aussieht. Im Gegenteil. Den übergrossen Scheinchrono mit offener Unruh aus fernöstlicher Produktion allerdings, den empfinde ich durchaus als lächerlich.

Das mit dem Uhrentraum aus der Kindheit, das kenne ich auch. Und hat auch eine Weile gedauert, bis ich in mir erfüllt habe. Ist heute noch meine Traumuhr – auch wenn ich damit dem allgemeinen Uhrengeschmack in den Foren ziemlich entgegenstehe (keine Sportuhr, kein Chronograph, nicht Stahl, Grösse stimmt auch nicht) es ist MEINE Traumuhr und ich will die tragen, nicht sie exhibitionistisch zu Felde tragen.

Ach, noch was,was mich an vielen aktuellen Uhren stört: die viel zu kleinen Werke im viel zu grossen Gehäuse, Da kauft man viel Luft (aka Werkhaltering woraus auch immer), eine seltsame Position des Datums (irgendwo schwebend im Zifferblatt) und wenn mit Glasboden wird der Verhältnisblödsinn auch noch sichtbar gemacht. Dann lieber eine alte Uhr mit Stahlboden.

micha77
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von micha77 » 31.08.2016, 23:59

Ich müsste beim Thema Repliken ein wenig relativieren, und vom eigentlichen Thema Uhren ein wenig abrücken, was ja im Grunde genommen dann überhaupt nicht mehr in dieses Forum gehören würde, und bitte dies zu entschuldigen. Ich bin ja nun noch etwas jünger, und beobachte gerade in meiner Generation Verhaltensweisen, die ich nicht gutheißen kann, weil ich sie für ungesund halte. Natürlich ist ein Mensch, der eine gefälschte Uhr trägt nicht weniger wert. Ich kritisiere eher die dahinter stehende Philosophie. Viele Leute in meinem Alter möchten ein Image verkörpern, etwas darstellen, ohne jedoch die Verantwortung dafür zu tragen, diesen Ansprüchen auch zu genügen. Ich kann die Qualität von Uhrwerken nicht beurteilen, sehr wohl aber dass beispielsweise eine aktuelle Rolex, Breitling, Omega, auch wenn sie nicht meinem persönlichen Geschmack entspricht, jeweils ein hochpreisiges Marktsegment symbolisiert. Das ist nicht zuletzt auch bestimmt dem Marketing mitgeschuldet. Ich finde es etwas schwierig, wenn jetzt Menschen in meinem Alter gar keinen Sinn mehr für Handwerkskunst, Qualität und Beständigkeit empfinden, sondern nur noch dem äußeren Schein hinterher hechzen. Das fängt mit der gefälschten Uhr an, geht über Muskelsteroide weiter, bis hin zur Überschuldung für einen geleasten Oberklassewagen. Die Message dabei ist, schon in jungen Jahren zu sagen - seht her - ich habe etwas geleistet und es geschafft. Statt sich also im Laufe des Lebens zu entwickeln und auf Dinge zu sparen und fleißig auf etwas hinzuarbeiten, da möchten viele schon mit 20 fertig in ihrer Entwicklung sein. Oder einfach mal ein wenig geduldiger zu sein. Aber das alles wäre gleichgültig, wenn diese Leute nicht diese Philosophie auch auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen würden. Der Satz: Ich liebe Dich hat dann keine größere Bedeutung mehr, Beziehungen sind auch nur noch mehr Schein als Sein und beliebig austauschbar. Den Leuten graut es auch vor der Kindererziehung, weil die dann nämlich echte Arbeit bedeuten würde. Fast jeden Samstag und Sonntag morgen tauchen junge Leute in der Ambulanz auf, die nach der sogenannten "Pille danach" sprich Levonorgestrel fragen. Nahezu jeden Tag finden sich junge Patienten mit diffusen Beschwerden ein, die oft psychosomatisch sind, weil sie sich um ehrlich zu sein mit den eigen Ansprüchen stressen, und gleichzeitig weder sich noch anderen etwas zutrauen. Wo werde ich morgen sein, wenn doch alles in meinem Leben nur oberflächlicher Glanz ist? Viele wollen ein "Star" sein, ohne die Bereitschaft auch etwas dafür zu leisten. Ich bin kein besonders gläubiger Mensch, aber dieses Denken halte ich für ungesund, denn wenn man am Ende mit der eigenen Wahrheit konfrontiert wird, dann brechen viele aus Angst zusammen. Von gefälschten Uhren halte ich in etwa soviel wie von gefälschten Dissertationen, erstens eine Verhöhung echter Leistung, und zweitens - und noch schlimmer - der Beginn von Lebenslügen. Was macht zum Beispiel ein Kerl in meinem Alter, wenn er beim Kennenlernen von einem Mädel auf seine "angebliche" Rolex angesprochen wird? "Die war doch bestimmt teuer?" Es ist schon peinlich genug zuzugeben, dass es eine Fälschung ist, aber noch furchtbarer, dann anzufangen eine Legende zu stricken. So etwas kann Menschen einfach nicht glücklich machen, und erst recht nicht wenn man alles gleichzeitig besitzen will, sprich Flachbildfernseher, Smartphoneflaggschiff, Hochglanzküche mit Miele Geräten und Granitarbeitsplatte, Essen im Zwei Sterne Restaurant, Bali Urlaub, Neuwagen - der Zwegat wird es schon richten. Naja und die Rolex und die Louis Vuiton Koffer sind dann halt gefälscht - merkt ja keiner. Hauptsache sie machen sich gut auf dem Selfie. Und um zum Thema Uhren zurückzukommen: Ich finde es einfach sympathisch, wenn sich Menschen wirklich noch für ein Thema tiefer begeistern können. Und wirklich mal hinterfragen, was ein Tourbillon oder ein Chronograph ist, nämlich mehr als ein funktionsloses Designelement. Wann und warum wurden Taschenuhren entwickelt? Wer war Peter Henlein? Wie kam es dazu, dass Böttcher für August, den Starken das europäische Porzellan erfunden hat? Woher kommt der Strom? Das versuche ich auch meinen Mädels zu vermitteln, nämlich Dinge ein wenig zu hinterfragen, und neugierig zu bleiben. Und Dinge schätzen zu lernen. So ein bischen Löwenzahnmäßig. :) Im übrigen ist die DS2 ja dann wohl auch mal wirklich ein brandheisser Tip für junge Uhreneinsteiger, die auf der Suche nach einer sportlichen Automatikuhr sind. Hab gerade mal grob nachgeschaut und gesehen, dass diese in gutem Zustand aus den 70s für etwa 400-500 gehandelt werden. Da würde ich mich bei Interesse an einer solchen Uhr doch eher ein wenig mehr in dieses Thema Certina einarbeiten und Modelle, Besonderheiten und Preise vergleichen, und dann vlt irgendwann mal am Hankgelenk etwas technisch wirklich Gutes tragen, bevor ich jetzt zur Luxusfälschung oder neuer, aber seelenlosen Massenware greife.

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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von JLC » 01.09.2016, 10:21

Hallo Micha,
ja, die Welt ist schon verrückt, und mach einer versucht noch verrückter zu sein.

Leider musste ich im Laufe meines Lebens feststellen, das die Jugend in irgendeiner Seifenblase leben, b.z.w. leben wollen.
Immer schön auf dicke Hose machen, und wenn man an dieser Fassade kratzt, dann bröckelt es gewaltig.

Auch hat sich leider die Menschheit zur einer Wegwerfgesellschaft entwickelt.
Der Blick fürs Schöne geht verloren, und leider sind handwerkliche Leistungen nicht mehr gefragt.
Bezogen auf Uhren heißt das, nach Außen hin muss die Uhr was darstellen. Wie es im Innern aus schaut, das ist nicht mehr so wichtig. Schade eigentlich.

Da ist dann eine Möchte-Gern-Tourbillon der Hit, obwohl da meistens nur Müll drin ist.
Eine alte Handaufzugsuhr ist da bei Vielen ein Witz.

Und warum ist das so ?
Weil es nicht mehr interessiert. Nochmals schade.
Viele Grüße

JLC
Bernd

micha77
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von micha77 » 01.09.2016, 14:29

Amen und ein Hoch auf echte leidenschaftliche Handwerker mit Herzblut - ob Goldschmiede, Uhrmacher, Kunstschreiner, Innenarchitekten, Landschaftsgärtner, Konditoren oder Schneider... :D

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JLC
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von JLC » 01.09.2016, 14:38

Volle Zustimmung, Micha.

Hier mal eine schöne Vintage für Bubu zum Anleckern.

Bild

Bild
Viele Grüße

JLC
Bernd

fromnaii
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Re: Fühle mich verunsichert...

Beitrag von fromnaii » 14.11.2016, 10:10

Finde die Uhr sehr chic!" Mach einfach dein Ding

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